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TOA und das Ehrenamt



Können Ehrenamtliche gute Mediatoren sein?

Lutz Netzig


Bürgerschaftliches Engagement im Rahmen sozialraumnaher Schlichtung beim Verein Waage Hannover e. V.

Die Waage Hannover e. V. hat mit Unterstützung der Klosterkammer Hannover, des niedersächsischen Justizministeriums sowie dem TOA-Servicebüro, Köln, die Ausbildung und Einbeziehung ehrenamtlicher Mediatoren in ein Konzept sozialraumnaher Schlichtung erprobt. Das Projekt war erfolgreich.

Sieben ehrenamtlichen Mediatoren konnten in die Arbeit der Waage eingebunden werden und sind mittlerweile selbstständig in der Konfliktvermittlung tätig. Die Reaktionen der Kooperationspartner der Waage, insbesondere der Staatsanwaltschaft, waren positiv. Auch von Seiten der beteiligten Konfliktparteien gab es keinerlei negative Kritik.

Wer jedoch glaubt, ehrenamtliche Mitarbeiter schnell und ohne großen Aufwand in den TOA integrieren zu können, wird scheitern. Die Integration Ehrenamtlicher in die professionelle Vermittlungsarbeit ist nur mit einem großen Aufwand möglich. Ohne eine gründ­liche Schulung, eine sorgfältige und schrittweise Einarbeitung sowie eine in der Anfangszeit intensive Betreuung der Ehrenamtlichen wäre der notwendige Qualitätsstandard nicht zu gewährleisten. Ferner ist aufgrund der erhöhten Personenzahl mit einem größe­ren Verwaltungs- und Koordinie­rungsaufwand zu rechnen.

Einleitung und Projektziele

Die Waage hat in den letzten 15 Jahren den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA), die Vermittlung zwischen Opfern und Beschuldigten einer Straftat, in der Region Hannover erfolgreich etabliert. Von Beginn ihrer Tätigkeit an hat die Waage darauf verwiesen, dass der TOA ein Aspekt der Konfliktschlichtung ist und die Möglichkeiten dieses An­satzes bei einer Begrenzung auf strafrechtlich relevante Konflikte nicht annähernd ausgeschöpft wer­den.

In der Einbeziehung ehrenamtlicher Mitarbeiter sieht die Waage eine Chance, sich zusätzliche Ressourcen für die Fallarbeit zu erschließen. Neben den quantitativen Vorteilen bieten sich auch Möglichkeiten einer qualitativen Optimierung des Angebotes. Die Mediation bei Fällen von innerfamiliärer Gewalt erfordert ein hohes Maß an personellen und zeitlichen Ressourcen. Diese Fälle machen mehr als die Hälfte des Fallaufkommens der Waage aus und sollten von einem gemischtgeschlechtlichen Mediatorenteam bearbeitet wer­den. Durch Co-Mediation kann auf die besonderen Bedürfnisse der geschädigten Opfer eingegangen und die spezifischen Dynamiken in Beziehungskonflikten besser ausbalanciert werden. Aus personellen Gründen ist dies nur mit hauptamtlichen Vermittlern nicht immer zu leisten.

Ein weiteres Anliegen des Projektes ist die Ausweitung des Angebotes auf den vor- und außerstrafrechtlichen Konfliktbereich. Die Arbeit der Waage soll über den Schwerpunkt TOA hinaus eine verstärkte Relevanz in den Bereichen Gemeinwesen und Stadtteilarbeit erlangen.

Grundsätzliches zur Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen

Von zentraler Bedeutung bei solch einem Projekt ist eine klare Regelung von Rechten und Pflichten. Die Einbindung ehrenamtlicher Mitarbeiter zieht neben fachlichen Fragen auch vielerlei organisato­rische und gruppendynamische Konsequenzen nach sich. Wie erfolgt die Qualifizierung und Ein­arbeitung? Wer ist wann für was zuständig? Bei den (bezahlten) Hauptamtlichen ist mit Ängsten und Widerständen zu rechnen. Eine unzureichende Klärung der Rechte und Pflichten führt zu Irritationen bei den Mitarbeitern, erschwert das Projektmanagement und birgt die Gefahr von Missverständnissen und teaminternen Konflikten. Wichtige Faktoren für eine gelingende Kombination von Haupt-und Ehrenamtlichen sind die diesbezügliche Grundhaltung der beteiligten Personen sowie eine adäquate Mitbestimmung. Leitbild bei der Umsetzung sollte sein, dass erst das Zusammenspiel zwischen bezahlten und unbezahlten Mitar­beitern die Arbeit der Organisation ausmacht.

Ehrenamtliche Mediatoren



Konzeption und Phasen des Projekts

Die Rahmenbedingungen und Umsetzungsschritte des Projekts wurden so gestaltet, dass das Vorhaben als „lernendes Projekt" angelegt war, im Rahmen dessen flexibel auf Probleme und neue Herausforderungen reagiert werden konnte. Die praktische Durchführung erfolgte in folgenden Phasen:

  • Grundausbildung,
  • Mitarbeit/Hospitationen bei Einzel- und Vermittlungsgesprächen in Co-Mediation mit einem/r Hauptamtlichen (Tutor/Tutorin),
  • Durchführung von Einzelgesprächen in Co-Mediation zweier Ehrenamtlicher,
  • Teilnahme an weiteren internen Schulungen/Trainingsseminaren,
  • Durchführung von Einzel- und Vermittlungsgesprächen in Co-Mediation zweier Ehrenamtlicher mit intensiver Betreuung (Vor- und Nachbesprechung) durch eine/n Hauptamtliche/n,
  • Durchführung von Einzel- und Vermittlungsgesprächen in Co-Mediation zweier Ehrenamtlicher.



Die Entscheidungen darüber, ob und wann eine neue Phase begonnen und den einzelnen Ehrenamtlichen mehr Verantwortung übertragen werden sollte, wurde vom zuständigen Vorstandsmitglied gemeinsam mit dem Team der Hauptamtlichen entschieden. Hierbei wurde Wert auf eine möglichst individuelle Förderung und Unterstützung der Personen gelegt. Die Qualitätssicherung ist von zentraler Bedeutung. Gleichwohl lag es im Interesse der Verantwortlichen des Vereins, den Betreuungsaufwand durch die Hauptamtlichen im Laufe der Zeit zu reduzieren und Schritt für Schritt zu einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Fallbearbeitung der Ehrenamtlichen zu kommen.


Qualifizierung und Einarbeitung

Die Schulung der Ehrenamtlichen war als praxisbegleitende einjährige Ausbildung angelegt und umfasste zunächst 180 Stunden. Sie bestand in den ersten fünf Monaten aus fünf Wochenendseminaren; darauf aufbauend fanden im Laufe des Jahres drei weitere Seminare statt. Enthalten waren allein im ersten Jahr 44, Stunden Hospitationen. Hinzu kamen Praxisreflexionen in Gesamtteamsitzungen (1-mal im Monat) sowie die Arbeit in Intervi­sionsgruppen. Den Abschluss der Ausbildung bildete die Teilnahme an einer Fachtagung des TOA-Servicebüros. Insgesamt umfasste damit die Grundqualifizierung mehr als 220 Stunden. Nach Abschluss der hier beschriebenen Ausbildung finden weitere Fortbildungen statt.

Die Inhalte der Schulungen orientierten sich an anerkannten Ausbildungsstandards, insbesondere an den vom Servicebüro für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung angebotenen und seit vielen Jahren etablierten Lehrgängen.

In Deutschland und Österreich sind die Standards für die Ausbildung von Mediatoren (insbesondere im Bereich Mediation im Strafrecht: TOA bzw. ATA), höher als in anderen europäischen Ländern. Das ist gut so. Kritisch zu bewerten ist mitunter (zumindest in Deutschland) die mangelhafte Verknüpfung von Ausbildung und Praxis. In aller Regel wird zunächst über Monate hinweg eine Ausbildung absolviert, bei der die Teilnehmer in Rollenspielen „trocken schwimmen" üben und allenfalls sporadische Praxiserfahrungen sammeln können. Dann folgt (manchmal) der „Sprung ins kalte Wasser", die Arbeit mit Klienten, wobei viele angehende Mediatoren oftmals auf sich allein gestellt sind. Bestenfalls werden später noch einzelne Aufbaukurse belegt. Leider bleibt bei vielen nach der Ausbildung auch dieser Sprung in die Praxis aus. Sie bekommen keine oder nur wenige Fälle und können daher kaum echte Fallerfahrung sammeln. Dies birgt eine große Gefahr für die Qualität der Mediation.

Die ehrenamtlichen Mediatoren der Waage sollten sehr früh konkrete und realistische Vorstellungen von der praktischen Arbeit bekommen. Die enge Verzahnung von Schu­lungen und Hospitationen hat sich hervorragend bewährt.

Die Ehrenamtlichen wurden als Trainees von den Hauptamtlichen eingearbeitet und betreut. Sie hospitierten (parallel zu den Schulungen) bei ihren Tutoren und nahmen an Ausgleichsgesprächen teil. Die Zuordnung zu den Tutoren wechselte in jedem Quartal, sodass sie die unterschiedlichen Arbeitsstile der Hauptamtlichen kennen lernen konnten. - Zunächst nahmen die Ehrenamtlichen eher passiv an den Gesprächen teil. Die Hauptamtlichen leiteten die Gespräche, die Ehrenamtlichen hörten zu und beobachteten, ergänzten Fragen. Mit wachsender Erfahrung und Sicherheit übernahmen die Trainees erst einzelne Gesprächsteile, dann ganze Mediationen. Die Tutoren hielten sich im Hintergrund und unterstützten bei Problemsituationen. Nach dem Gespräch wurden der Verlauf, das Ergebnis und einzelne methodische Details gemeinsam reflektiert. Mit den Mitarbeitern wurden regelmäßig Einzelgespräche zum Stand ihres Lernprozesses geführt. Die Entscheidung, ob und wann Ehrenamtliche im Rahmen der Fallbearbeitung mehr Verantwor­tung übertragen bekamen, wurde abhängig gemacht von ihrer Handlungssicherheit und der Einschätzung der Tutoren.

Nachdem die Ehrenamtlichen zunehmend an Sicherheit gewannen, konnte die Intensität der Betreuung durch die Hauptamtlichen im August 2005 erheblich reduziert werden. Gleichzeitig trennte sich die Waage von zwei Ehrenamtlichen, bei denen eine Übergabe der Fallverantwortung zu diesem Zeitpunkt nicht möglich erschien. Seitdem bearbeiten die Ehrenamtlichen in Co-Mediation eigenverantwortlich TOA-Fälle. Die Begleitung und fachliche Beratung durch die Hauptamtlichen erfolgt nicht mehr in jedem einzelnen Fall, sondern nur nach Bedarf. Für alle Mitarbeiter finden regelmäßig und verpflichtend Fallbesprechungen statt, bei denen die Besonderheiten und Schwierigkeiten einzelner Fälle gemeinsam reflektiert werden.

Fälle von häuslicher Gewalt werden weiterhin von den Hauptamtlichen bearbeitet. Die Ehrenamtlichen werden bei diesen Fällen mitunter als Co-Mediatoren hinzugezogen. Die übrigen zugewiesenen TOA-Verfahren werden von der Geschäftsstelle der Waage auf die Teams der Ehrenamtlichen verteilt. Besonders schwierig oder brisant erscheinende Fälle übernehmen die Hauptamtlichen.


Ergebnisse und Erkenntnisse

Die ehrenamtlichen Mediatoren konnten erfolgreich in die Arbeit der Waage eingebunden werden. Dies war jedoch, zumindest in den ersten Jahren, mit erheblichem Schulungs- und Betreuungsaufwand verbunden. Das Projekt verlief nicht reibungslos und war mit einigen organisatorischen und gruppendynamischen Problemen verbunden, führte aber letztlich zu einem guten Ergebnis. Die Staatsanwaltschaft begrüßte das Projekt. Die Beschuldigten und Geschädigten, die an TOA-Verfahren bei der Waage teilnahmen, äußerten keine Vorbehalte oder Kritik. Die Erfolgsquote der Ehrenamtlichen entspricht der der Hauptamtlichen.

Das Verhältnis von Aufwand und Nutzen des Projektes hängt neben den hohen Qualitätsmaßstäben, die die Waage anlegt, auch stark von der Fluktuation der Mitarbeiter ab. Bei Personen, die im Berufsleben stehen, kann es beispielsweise durch berufliche Veränderungen zu einer Beendigung der Zusammenarbeit kommen, wodurch dann die Erstinvestitionen nicht zwangsläufig zu einem späteren Nutzen führen. Des Weiteren spielen für die Kosten-Nutzen-Relation letztlich auch schwierig zu messende Faktoren wie Betriebsklima, Zufriedenheit und Wertschätzung eine große Rolle. Wenn es (wie bei der Waage) gelingt, den Personenkreis über längere Zeit stabil zu halten, dann rentieren sich im Laufe der Monate die anfangs notwendigen Investitionen (Qualifizierung und Betreuung).

Bei der Waage wurde im Laufe der vergangenen Jahre deutlich, welche konkreten Faktoren das Gelingen des Ehrenamtlichen-Projektes maßgeblich beeinflussen. Zwischenzeitliche Probleme und Schwierigkeiten führten zu Klarstellungen und teilweise auch Mo­difizierungen des Konzeptes. Es stellte sich für den Erfolg und die konstruktive Weiterentwicklung als wichtig heraus,

  • dass die Ehrenamtlichen mindestens einmal wöchentlich bei der Waage tätig sind,
  • dass ihnen (entsprechend ihrer zeitlichen Ressourcen) auch hinreichend viele Fälle übertragen werden (können),
  • dass sie regelmäßig an Fallbesprechungen teilnehmen,
  • dass die Hauptamtlichen zur gemeinsamen Reflexion von Praxiserfahrungen bereit sind,
  • dass geeignete Situationen geschaffen werden für offene und konstruktive Kritik,
  • dass unnötige Hierarchisierungen vermieden werden (bei gleichzeitiger Berücksichtigung unterschiedlicher Lern-und Entwicklungsgeschwindigkeiten),
  • dass teaminterne Konflikte rechtzeitig aufgegriffen werden, um Abschottungstendenzen vorzubeugen.



Nach Abwägung der verschiedenen Vorteile und Komplikationen, die das Projekt mit sich bringt, hat sich der Vorstand der Waage eindeutig für eine Fortsetzung der ehrenamtlichen Mitarbeit entschieden. Es steht außer Frage, dass das Projekt insgesamt gesehen ein Erfolg und für die Zukunft der Waage von großer Bedeutung ist.

Außerdem eröffnet das hier dokumentierte Projekt die Chance, weitere freiwillige Mitarbeiter auch in andere Arbeitsbereiche der Waage zu integrieren. Langfristig wäre in Hannover ein Netzwerk von Haupt- und ehrenamtlichen Media­toren wünschenswert, dass sowohl bei strafrechtlich relevanten Konflikten außergerichtliche Vermittlung/TOA anbietet, als auch bei Alltagskonflikten im vor- und außerstrafrechtlichen Bereich kompetente und bürgernahe Hilfe möglich macht. Vorstellbar wäre dabei eine engere Zusammenarbeit mit Schiedsleuten, Konfliktlotsen an Schulen und anderen Mediatoren in der Stadt und Region Hannover.

Zurück zur Ausgangsfrage: Können Ehrenamtliche gute Mediatoren sein? Die Annahme, dass jeder, der „gut mit Menschen umgehen" kann, auch gleich ein guter Mediator ist, ist falsch. Die Erfahrungen der Waage zeigen jedoch, dass auch Alleinvertretungsrechte einzelner Berufsgruppen fehl am Platze sind, dass vielmehr Menschen aus unterschiedlichsten Berufen gut und erfolgreich in der Vermittlungsarbeit tätig sein können. Die Kompetenz der Mediatoren hängt nicht von einem Diplom in einem psychosozialen oder juristischen Studiengang ab, sondern von einer gezielten Ausbildung, der für die Mediatorenrolle unerlässlichen Grundhaltung und vor allem einer ausreichenden Fallerfahrung.

Unbegründet (wenngleich verständlich) erscheint die Befürchtung, dass ehrenamtliche Mediatoren die hauptamtlichen überflüssig machen. Ohne den Rahmen einer professionellen Struktur und die Leitung und Betreuung durch erfahrene Mitarbeiter ist die erfolgreiche Etablierung und Weiterentwicklung eines Projektes für bürgerschaftliches Engagement nicht vorstellbar.

Die hier umgesetzte Konzeption der Waage, die Kombination von Haupt- und ehrenamtlichen Me­diatoren entspricht übrigens der Empfehlung einer vom Europaparlament beauftragten und hochkarätig besetzten Expertengruppe

„The best solution may be to combine the use of professionals and either volunteers or paid lay mediators. Straightforward cases could be handled by two Community mediators; more complex ones by a professional and a Community mediator working together, or by Professionals only. In some cases, people who start as Community mediators may change careers and be trained as professionals. It is helpful to have a local Organization which is responsible for coordinating the work of mediators, including their recruitment, training, support and supervision."

Dr. Lutz Netzig; Mediator/Ausbilder B M

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